Kleiner Versager – Gary Shteyngart

KleinerVersager

„[…] Ich weiß nicht, was ich tue. Ich verliere nicht nur die Schere, den Kleber, die Buntstifte, die Kippa und das Hemd […], sondern ich gehe auch selbst verloren.“

Gary Shteyngart heißt eigentlich Igor oder auch sopljak oder Rotznase. Wie auch immer. So verwirrend sein Name, so verwirrend sein Weg vom kleinen Jungen zum Erwachsenen.
In seiner Kindheit von der damaligen Sowjetunion in die USA ausgewandert, braucht er lange, um sich zwischen den Welten zurecht zu finden. Die Beziehung zu seinen Eltern ist hart, aber herzlich. In der Schule ist er der Außenseiter, der versucht, sich seinen Weg in das Leben zu bahnen. Oder zumindest als Gast auf der Tribüne zu sitzen. Später dann Studium, erste Freundin, Zauberpilze, … Und während er noch an seine Großmutter denkt, die ihn als kleinen Jungen für seine Geschichten mit Käsewürfeln bezahlte, wird er – schwupps – plötzlich Autor. Ganz zum Leid seiner Eltern, deren Beziehung zu ihrem Sohn immer noch schwierig ist und deren Hoffnung es war, ihn eines Tages in Robe im Gerichtssaal sitzen zu sehen.

Das Buch verleiht Charme nicht durch spannungserzeugende Elemente, sondern durch die Fähigkeit des Autors, die Skurrilität zu erkennen, die das Leben durch die Kombination von Tragik und Komik selbst schreibt. Mit einer gesunden Portion Selbstironie und Selbsterkenntnis ausgestattet, ist dieses Buch ehrlich und kritisch zugleich.

„Auf der Stuyvesant gibt es zweitausendachthundert Schüler, die deutlich begabter sind als ich […]. Im Unterricht hängen sie wie menschliche Architektenlampen über ihre Schreibtische gebeugt und summen verhalten, verrückt vor sich hin wie Glenn Gould beim Klavierspielen, auf ihrem Kinn glänzen kleine Spuckebläschen, in den Augenwinkeln hängt noch das bisschen Schlaf, dass sie überhaupt bekommen, während ihre Stifte routiniert das Zauberwerk verrichten und den Gleichungen zu Leibe rücken. Woher rührt ihre Hingabe? Wer hält zu Hause die Stellung? Was passiert, wenn sie versagen? Ich dachte immer, Papa hätte mich zu oft geschlagen, aber was, wenn er mich nicht oft genug verdroschen hat?“

Die vielen Einschübe von Biografien und Erzählungen über seine Familie gerade am Anfang des Buches, ließen mich mal wieder mit dem Nicht-Wissen über so viele Dinge in meiner eigenen Familie zurück. Und mit dem Gedanken darüber, dass man mit viel mehr Neugierde auf die Menschen zugehen sollte, die man vermeintlich so gut kennt.

Wer nun Lust auf das Buch bekommen hat, hier noch ein Link zu einem Interview mit dem Autoren:

Interview mit Gary Shteyngart – ZEIT Online

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